Liebe Leserschaft,
wir haben ein Problem: Unsere Autorin Pippa hat eine essenzielle … eine existierende … eine Exit-Krise. Im wahrsten Sinn des Wortes, denn sie steuert mit dem Blog auf den Ausgang zu.
Jetzt im Herbst und erst recht im Winter finden weniger Veranstaltungen statt, hat sie gesagt, und es würde ja ohnehin niemand die Blogbeiträge auf ihrer Website lesen.
Als ob sie auch nur einen davon selbst verfasst hätte. *schnaub*
Allerdings hat sie uns im nächsten Moment um Entschuldigung gebeten, weil sie uns immer so getriezt hat, doch was für den Blog zu schreiben. Aber damit sei es jetzt vorbei, hat sie mit entmutigter Miene hinzugefügt, denn sie würde das Ding erst mal pausieren, wenn nicht sogar ganz einstellen. Interessiert ja doch niemanden, hat sie geseufzt.
Moment!, habe wir da gerufen. So was braucht Zeit und Konsistenz, haben wir ihr gesagt. Also, Cedrik hat das gesagt. Oder so ein ähnliches Wort. Wir anderen haben daneben gestanden und genickt.
Und nicht nur genickt - eine Sekunde später haben wir uns dazu hinreißen lassen, ihr zu versichern, uns selbst irgendwelche Themen auszudenken, über die wir ein paar Sätze verfassen können. Und der Blog muss ja auch nicht jede Woche einen neuen Post bekommen, sondern nur dann, wenn irgendwas Interessantes ansteht. Zumindest bis zum nächsten Frühjahr. Und dann können wir ja weitersehen.
Sofort hat sich Pippas Gesicht aufgehellt, und sie hat uns erleichtert angelächelt, fast schon strahlend.
Irgendwie hatte ich das dumpfe Gefühl, dass wir vielleicht reingelegt worden sind …
Aber dann ist Mimmi auf ihren Schoß geklettert und hat die kleinen Ärmchen um Pippas Hals geschlungen - und Mimmi hat ein besonderes Gespür für echte Emotionen. Offenbar war unsere Autorin tatsächlich geknickt, sodass Mimmi sie trösten wollte.
Jetzt fragt ihr euch vielleicht, wer Mimmi ist und wieso sie in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt.
Die eifrigen Leser unter euch wissen die Antwort ja längst, aber für alle anderen:
Mimmi ist unser Wallabyfräulein - ein Rotnackenwallaby, um genau zu sein - , das wir kurz nach unserer Ankunft auf der Isle of Man in unserem Garten hinter dem Leuchtturmhaus gefunden haben, verwundet und abgemagert.
Erik legte eine Hand schützend über die Augen, spähte in die Ferne und blieb wie angewurzelt stehen. »Kneift mich mal«, forderte er seine Brüder auf.
»Wieso? Was ist?«, fragte Cedrik und blinzelte angestrengt durch seine Brille in die Richtung, in die Erik starrte.
»Dahinten … vor der Steinmauer sitzt eine Gruppe … Riesenkaninchen?« Verwundert schaute Erik seine Brüder an. »Ich weiß ja, dass es hier Katzen ohne Schwanz und Widder mit vier Hörnern gibt, aber was ist das denn?«
»Ich sehe nichts«, seufzte Cedrik, schob einen Finger hinter die Brille und rieb sich die Augen.
»Doch. Erik hat recht«, bestätigte Fredrik, der den Kopf gereckt hatte. »Da sind ein paar ziemlich große Ohren …«
Inzwischen hatten die Tiere sie bemerkt. Ihre braunen Ohren zuckten in ihre Richtung, und dann setzten sie sich auch schon in Bewegung. Erik sah, wie sie der Reihe nach durch ein Loch in der halb eingestürzten Mauer flohen und im Gebüsch verschwanden. Nur eines schaffte es nicht und sprang gegen ein intaktes Stück Mauer. Wieder und wieder. Offenbar konnte es die Lücke nicht erkennen.
Unwillkürlich musste Erik lachen: Der Anblick war im ersten Moment unbeschreiblich komisch. So komisch, dass er vor Lachen einen Schluckauf bekam. Als sie sich dem Wesen jedoch langsam näherten, blieb ihm das Lachen im Hals stecken. Die Bemühungen des kleinen Tiers wirkten immer verzweifelter, und er konnte dessen Panik jetzt förmlich spüren. Wenn es weiterhin gegen die Steine hüpfte, würde es sich noch ernsthaft verletzen. Die winzige Stirn wirkte bereits geschwollen. »Wir müssen was tun!«, stieß Erik besorgt hervor.
Geistesgegenwärtig zog Fredrik seine Jacke aus und warf sie über das ängstlich fiepende Tier, woraufhin sofort Ruhe einkehrte. Vorsichtig hob er einen Zipfel der Jacke an und spähte darunter. »Ach, seht mal: ein Minikänguru«, flüsterte er.
Erik trat näher, dicht gefolgt von Henrik und Cedrik. Und tatsächlich: Unter der Jacke hockte ein winziges Wesen, das an eine Miniaturversion eines Kängurus erinnerte. Wie niedlich! Begierig streckte er die Hände danach aus, zog sie aber sofort hastig zurück, als das Tier wütend fauchte. Er hatte keine Lust, sich von dem kleinen Nager beißen zu lassen.
»Lasst mich mal.« Henrik schob seine Brüder beiseite, musste sich aber ebenfalls zurückziehen, als das Tier die Zähne fletschte. »Cedrik, willst du es mal versuchen?«
Cedrik schaute ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Wie kommst du auf die Idee, dass ich mehr Erfolg haben könnte?«
»Keine Ahnung. Du hast doch Erfahrung im Umgang mit Nagetieren … deine weiße Maus Lord Fauntleroy …«
»Erstens liegt das fast ein ganzes Jahrzehnt zurück, und zweitens gehören Wallabys nicht zu den Nagetieren«, belehrte Cedrik ihn und warf einen Blick auf das verängstigt wirkende Wesen.
»Hallo, kleines Minikänguru«, flüsterte Fredrik in besänftigendem Ton, woraufhin sich das Tier etwas beruhigte.
Missbilligend schüttelte Cedrik den Kopf. »Das ist kein Minikänguru, sondern ein Wallaby!«, schnaubte er.
Fauchend wich das Tier zurück.
»Pst, nicht so laut! Du erschreckst es nur noch mehr«, zischte Fredrik und säuselte dann: »Minilein, es ist alles gut. Du brauchst keine Angst zu haben. Dir wird nichts passieren. Komm zu mir. Ich tu dir auch nichts. Versprochen. Komm, Kleine. Komm zu mir.« Vorsichtig streckte er die Hände in Richtung des winzigen Wesens aus.
Erik konnte sehen, wie dessen kleines Herz unter dem schütteren Fell wild klopfte. Gespannt hielt er den Atem an.
Das Wallaby verharrte reglos, schnupperte dann zaghaft an Fredriks Händen und ließ sich tatsächlich von ihm anfassen. Behutsam strich Fredrik ihm über den Rücken. Erik sah, dass das Tier total abgemagert war. Und seine Augen waren so entzündet, dass sie vollkommen zugeschwollen wirkten. Also deshalb hatte es eben nicht mit seinen Freunden fliehen können. Nach einem Moment schmiegte sich das Wallaby gegen Fredriks Finger, der es daraufhin sanft hochhob und an seine Brust drückte. Der Kopf wirkte viel zu groß für den ausgemergelten Körper, mehrere Rippen zeichneten sich unter dem räudigen, braunen Fell ab und der lange Schwanz war mit Schrunden übersät. Das kleine Wesen war in einem erbärmlichen Zustand.
»Tierarzt«, sagten Fredrik und Henrik wie aus einem Mund. »Wir brauchen einen Tierarzt.«
Und das wir mit Doc Callisters tatkräftiger Hilfe über Monate wieder aufgepäppelt haben.
Okay, okay, ich kann eure nächste Frage schon hören:
Wieso ein Wallaby? Die Isle of Man ist doch nicht Australien!
Also, mehrere dieser Minikängurus (ja, Cedrik, ich hab das inzwischen verstanden, dass Wallabys und Kängurus zwar zur gleichen Familie gehören, sich aber schon wegen ihrer Größe deutlich von einander unterscheiden; deswegen sag ich ja Minikänguru) sind in den 1960er Jahren aus dem Curraghs Wildlife Park im Nordwesten der Insel ausgebüxt und haben sich seitdem fröhlich vermehrt. Letzten Zählungen nach umfassen Mimmis Verwandte etwa 500 Tiere in freier Wildbahn, die hauptsächlich die nördlichen Feuchtgebiete der Insel besiedeln.
Aber manchmal kann man die dämmerungsaktiven Wallabys auch auf den Straßen sehen.
Inzwischen ist Mimmi ein festes Mitglied unserer Familie. Und obwohl die anderen manchmal stöhnen, wenn sie mal wieder was ausgefressen hat, kann keiner von uns dem schmachtenden Blick aus ihren dunklen Augen widerstehen.
Hier könnt ihr mehr über Mimmi und ihre Eskapaden lesen:
Pippa McKenzie
Die Jungs vom Leuchtturm 1: Mann - Insel für Einsteiger









