Nachdem Henrik letzte Woche die Wikingerseite unserer Inselgemeinschaft aufgezeigt hat, ist es jetzt an mir, unser keltisches Erbe wieder ins Rampenlicht zu rücken. Und das mit dem Rampenlicht meine ich wortwörtlich, denn heute beginnt Yn Chruinnaght, was auf Manx »Die Versammlung« bedeutet: Ein Festival, das eine ganze Woche lang keltische Musik, Folklore, Tanz und Sprache feiert.
Yn Chruinnaght
Angefangen hat das Ganze vor über einhundert Jahren, als reines Inselfest Cruinnaght Vanninagh Ashoonagh (»Manx national gathering«). Aber Ende der 1970er Jahre machte Mona Douglas - unsere einflussreichste Dichterin des 20. Jahrhunderts und treibende Kraft bei der Wiederbelebung der Manx-Kultur - den Vorschlag, auch Freunde aus den anderen keltischen Nationen auf die Isle of Man einzuladen: Musiker und Tänzer aus Irland, Schottland, Wales, Cornwall sowie aus der Bretagne und aus Galicien.
Und so entwickelte sich die ursprünglich eintägige Veranstaltung zu einer Reihe von Konzerten, Ceilis (also Unterhaltungsabende mit Musik, Tanz und Gedichtvorträgen), Folksessions, Lesungen und Workshops. Dazu kommen ein Filmabend mit Kurzfilmen in den keltischen Sprachen und eine traditionelle Landwirtschaftsausstellung mit Produkten von der Insel.
Hier findet ihr ein Beispiel für moderne Kompositionen unserer traditionsreichen Musik: George Slade's_Keppel Gate_Dog Mills von Mark Lawrence (keine Sorge: bei 00:11 geht der Song richtig los).
Und hier könnt ihr etwas über die viele Monate im Vorhinein beginnenden Proben unserer Tanzgruppen lesen:
Fredrik seufzte. Eines der Mädchen – eine zierliche Dunkelhaarige – zwinkerte ihm beim Vorbeitanzen zu, woraufhin ihr Tanzpartner ihm böse Blicke zuwarf und das Mädchen an sich riss, sodass sie aus dem Takt kam und fast gestolpert wäre.
»Ian, pass bitte auf! Wir wollen die Formation nicht durcheinanderbringen«, tadelte die Choreografin, eine ältere Dame in der typischen Folkloretracht, in die alle weiblichen Mitglieder der Tanzgruppe geschlüpft waren: lange, dunkle Röcke mit Borde, dazu weiße Schürzen und Blusen und darüber eine rote, blaue oder gelbe Weste. Dagegen trugen die Männer schwarze Hosen und eine bestickte, schwarze Weste über einem weißen Oberhemd, dessen Ärmel viele hochgekrempelt hatten.
Als die Band nach zwei weiteren Stücken eine Pause einlegte, nahm Fredrik seine Gitarre, setzte sich auf den Bühnenrand und stimmte die Saiten nach. Bisher hatte er sich beim Spielen zwar tapfer geschlagen, aber die Abläufe dieser keltischen Musik waren ihm fremd, und er hatte große Zweifel, ob er das jemals kapieren würde. Schließlich war er nicht mit dieser Musik aufgewachsen, und jeder außer ihm schien genau zu wissen, wann die Tonart gewechselt wurde oder sogar die Melodie. Und seine Soli passten irgendwie nicht richtig dazu. Vielleicht war das doch nicht die richtige Musik für ihn, überlegte er resigniert. Schade, nach der Pleite bei der Bluessession hatte ihm der Aushang im Supermarkt in Ramsey – »Folkgruppe sucht Gitarristen« – wieder Mut gemacht.
Plötzlich riss ihn eine lautstarke Auseinandersetzung aus seinen Gedanken. Ian hatte sich auf der Mitte der Tanzfläche vor einem anderen Jungen aufgebaut und schnauzte ihn an: »Ich sag´s dir jetzt zum letzten Mal: Lass die Finger von ihr, oder ich vergess mich!«
Der andere Tänzer starrte ihn mit großen, angsterfüllten Augen an. »Aber ich hab doch nur … Ich wollte doch bloß …«, stammelte er und hielt seinen Strohhut schützend vor sich.
»Ja, das behaupten sie alle!« Ian redete sich in Rage. »Aber dann dauert es keine drei Sekunden, bis du mehr von ihr willst, und …« Abrupt verstummte er, als hätte er bereits zu viel gesagt, und knurrte dann: »Erzähl mir keine Märchen – ich hab genau gesehen, wie du sie angegrapscht hast!« Wütend funkelte er seinen Gegner an, der einen Schritt zurückwich.
Fredrik fragte sich gerade, wohin die Choreographin verschwunden war und, noch viel wichtiger, wo das Mädchen abgeblieben war, um die sich die ganze Diskussion drehte, als sie auch schon aus den Kulissen trat, lächelnd auf ihn zukam und sich neben ihn setzte.
»Hi, ich bin Lucinda«, sagte sie und streckte ihm ihre Hand entgegen. »Wohnst du oben am Leuchtturm und hast einen Bruder, der dir sehr ähnlich sieht?«
Verwundert schüttelte Fredrik ihre Hand. Wow, dieses Mädchen hielt sich nicht mit irgendwelchen Höflichkeitsfloskeln auf, sondern kam direkt zur Sache. Das erlebte er nicht oft. »Ja, stimmt«, bestätigte er. »Genau genommen hab ich sogar drei davon.« Er grinste verschmitzt. »Hi, ich heiße Fredrik. Welchen meiner Brüder meinst du denn?«
»Na, Henrik natürlich«, sagte Lucinda.
Henrik natürlich. Sieh mal einer an, dachte Fredrik, das ist ja interessant.
Im nächsten Moment drang Ians laute Stimme durch den Saal: »In Zukunft hältst du dich von ihr fern, hast du verstanden? Lucinda ist für dich tabu. Kapiert?«
»Dein Typ da drüben benimmt sich wie die Axt im Wald«, meinte Fredrik und deutete mit dem Kopf in Richtung des Gebrülls.
»Das ist nicht mein Typ!«, stieß Lucinda verärgert hervor.
Erstaunt zog Fredrik eine Augenbraue hoch: »Er tut aber so, als hätte er einen alleinigen Besitzanspruch auf dich.« Erneut zeigte er auf die Tanzfläche, wo Ian gerade Lucindas letzten Tanzpartner mit beiden Händen derartig heftig vor die Brust stieß, dass dieser mehrere Schritte zurücktaumelte.
»Ian, hör auf!«, rief Lucinda aufgebracht. »Tom und ich haben nur eine Schrittfolge geübt!«
»Schrittfolge? Glaubst du, ich bin blöd, oder was? Der Kerl hat dir an den Hintern gefasst!« Mit zornrotem Kopf wandte er sich Tom wieder zu, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn. »Wenn du sie noch einmal anfasst, brech ich dir deine dreckigen Pfoten!«, brüllte er.
Genervt rollte Lucinda mit den Augen. »Ich muss dazwischengehen, bevor mein kleines Ablenkungsmanöver weiter aus dem Ruder läuft und Ian völlig ausflippt.«
»Der Typ ist echt total panne«, sagte Fredrik. »Warum schickst du ihn nicht schleunigst in die Wüste?«
Falls euch meine Antwort auf Fredriks berechtigte Frage interessiert, findet ihr sie hier:
Pippa McKenzie
Die Jungs vom Leuchtturm 1: Mann - Insel für Einsteiger








